
„Der Anfang aller Weisheit ist Staunen.“ – Aristoteles
Das große Risiko unserer Zeit
Eines der größten Risiken unserer Zeit ist nicht Unwissenheit, sondern Gewöhnung. Wer sich an das Offensichtliche gewöhnt, übersieht gerne die verborgenen Muster, die hinter vermeintlich Alltäglichem stecken. Wer seine Neugier und damit das Staunen verliert, verliert auch den Zugang zu Kreativität und Innovation.
Für das Universalgenie der Renaissance, Leonardo da Vinci, war Staunen der Ausgangspunkt allen Denkens. Der Flug eines Vogels war nicht nur Naturphänomen, sondern eine Einladung, über das Fliegen des Menschen nachzudenken. Das Spiel des Lichts war nicht nur ein ästhetischer Effekt, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der Wahrnehmung. Und selbst das Pulsieren des Herzens wurde nicht als medizinische Routine betrachtet, sondern als Rätsel, das es zu entschlüsseln galt.
In einer Welt, die von Geschwindigkeit, Effizienz und Optimierung geprägt ist, wirkt Staunen fast wie ein Luxus. Tatsächlich ist es jedoch der Treibstoff für Neugier, Kreativität und Fortschritt.
Drei Prinzipien, die das Staunen wieder in den Alltag bringen
- Den Blick verlangsamen – Tiefe statt Tempo
Wirkliches Erkennen braucht Zeit. Wer sich erlaubt, länger hinzusehen, entdeckt Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. Genau deshalb konnte das berühmte Notizbuch des Renaissance-Genies mit Skizzen gefüllt sein, die aus stundenlangen Beobachtungen entstanden: Bewegungen des Wassers, das Flattern von Flügeln, der Schattenwurf einer Hand, …
Auch heute ist diese Haltung entscheidend. Unternehmen hetzen oft von Trend zu Trend, springen (auch durchaus berechtigt) schnell auf neue Technologien an, verlieren dabei jedoch leider auch regelmäßig die inhaltliche und strategische Tiefe aus dem Blick. Wer den Mut hat, zu verlangsamen, analysiert nicht nur oberflächlich, sondern versteht die tieferen Strukturen – etwa wie Märkte wirklich funktionieren oder wie Kundenbedürfnisse sich im Kern verändern.
Tiefe statt Tempo bedeutet, für Entscheidungen nicht nach dem erstbesten Gedanken oder der naheliegendsten Idee zu greifen, sondern sich zunächst die Zeit zu nehmen, bis in die zweite und womöglich auch dritte Gedanken-Ebene vorzudringen. Dort liegen häufig die wahren Ideen für echte Innovation.
- Fragen statt Antworten sammeln
Das Streben nach schnellen Lösungen blockiert oft den Blick auf das Wesentliche. In vielen Meetings herrscht Ungeduld unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, der Wunsch nach schnellen und klaren Antworten dominiert: „Wie lösen wir das?“ oder „Was machen wir jetzt konkret?“
Doch die fürs Unternehmen wertvollsten Momente entstehen gerne dann, wenn Fragen auch mal stehenbleiben dürfen:
- „Was übersehen wir?“
- „Welche Annahmen stecken hinter unserem Vorgehen?“ und „stimmen diese Annahmen wirklich?“
- „Wie würden Menschen aus einer völlig anderen Branche an dieses Problem herangehen?“
Solche Fragen bremsen zwar zunächst den Prozess, doch langfristig entstehen genau daraus die Ideen, die das Potenzial haben, ganze Märkte zu verändern.
- Das Staunen kultivieren – auch im Alltag
Staunen ist keine einmalige Eingebung, sondern eine Haltung. Wer bereit ist, das Gewohnte mit frischen Augen zu betrachten, entdeckt auch im Alltäglichen das Außergewöhnliche. Renaissance-Skizzen zeigen, wie für Leonardo selbst alltägliche Dinge – ein Blatt, ein Tropfen, ein Gesichtsausdruck – zum Ausgangspunkt großer Erkenntnisse werden konnten.
Diese Haltung lässt sich bewusst trainieren. Man kann Räume schaffen, in denen Experimente erlaubt sind und nicht sofort ein messbarer Output erwartet wird. Wenn Teams Zeit haben, mit neuen Ideen zu spielen, entstehen häufig Durchbrüche, die im reinen Effizienzmodus nie möglich gewesen wären.
Staunen im Alltag heißt, das Neue nicht nur in großen Visionen zu suchen, sondern gerade auch im Detail, das man viel zu gerne übersieht und in dem der Keim für Großartiges schlummert.
Warum Staunen heute unverzichtbar ist
Das Wissen der Welt wächst rasant und es war auch noch nie so komfortabel zugänglich wie heutzutage. Dennoch entstehen wahre Durchbrüche nicht allein durch Daten und Analysen. Sie entstehen, wenn jemand innehält, sich wundert – und die Welt mit frischen Augen betrachtet.
Staunen ist dabei mehr als ein Gefühl. Es ist eine Haltung, die Rationalität mit Kreativität verbindet. Wer staunen kann, sieht nicht nur was ist, sondern auch, was sein könnte. Genau darin liegt der Ursprung für revolutionäre Veränderungen: im Mut, Bekanntes neu zu denken.
Gerade in einer Arbeitswelt, die von Tempo, Effizienz und Druck auf schnelle Ergebnisse geprägt ist, wird Staunen zur Gegenbewegung. Es schafft Raum für Entdeckungen, für unerwartete Lösungen und für Fragen, die bisher niemand gestellt hat. Teams, die diese Haltung kultivieren, sind widerstandsfähiger und offener für Wandel – und sie entwickeln Ideen, die nicht nur auf den nächsten Quartalsbericht zielen, sondern langfristig Wirkung entfalten.
Fazit
„Staunen bedeutet, immer wieder zum Anfänger zu werden – auch wenn man längst Experte ist. Es bedeutet, sich nicht mit dem Offensichtlichen zufriedenzugeben, sondern tiefer zu graben.“
– Gerdt Fehrle